Läutesitten bei Abdankungen

In den vergangenen Monaten mussten die Sulgener Kirchenglocken ausserordentlich oft die Trauerfeier eines Gemeindegliedes anzeigen. So bekam dieses Läuten Präsenz wie kaum zuvor. Die folgenden Zeilen mögen etwas Licht in die Zusammenhänge dieses besonderen Läutens bringen.
Die Kirchenordnung der Evangelischen Landeskirche des Kantons Thurgau hält in § 65 lediglich sinngemäss fest, dass Abdankungsgottesdienste mit Glockenläuten anzuzeigen sind. Somit sind die einzelnen Gemeinden frei, ihre diesbezüglichen Läutesitten individuell zu gestalten.
Hans Jürg Gnehm
Das Läuten rund um Beerdigungen geschieht vor allem in ländlichen Gemeinden auf recht differenzierte Weise. So sind nicht nur gemeindliche, sondern auch regionale Unterschiede auszumachen. Die konfessionsspezifischen Merkmale sind hingegen nicht sehr ausgeprägt. Beispielsweise kann der Sterbetag, das Geschlecht der verstorbenen Person, der Tag der Trauerfeier, das Vorläuten sowie das Ein- und Ausläuten zur Trauerfeier mit Glockenzeichen bekannt gegeben werden.
In manchen Gemeinden erklingt am Sterbetag eine einzelne Glocke zum «Endläuten». So beispielsweise in Affeltrangen und in Tobel. Bei verstorbenen Männern läutet dann die grösste, bei verstorbenen Frauen die zweitgrösste Glocke. Diese gewichtsmässige Abstufung der Geschlechter kann als stossend empfunden werden. Deshalb sind einige Gemeinden dazu übergegangen, sowohl bei Männern als auch bei Frauen mit der gleichen Glocke, jedoch mit einer unterschiedlichen Zahl von Unterbrüchen zu läuten. Auch für das Vorläuten zur Trauerfeier wird noch vielerorts für Männer und Frauen eine unterschiedliche Glocke verwendet. Bei Beerdigungen von Kindern erklingt eigentlich durchwegs ein tonhohes Geläute.
Zum Einläuten der Trauerfeier erheben meist alle Glocken ihre Stimme. Wo es vom Tonakkord her Sinn macht, erklingt da und dort ein spezielles Teilmotiv als Trauergeläute. Ein besonders eindrückliches Beispiel hierfür ist vom Turm der Evang. Kirche Romanshorn zu vernehmen. Mancherorts setzen die Glocken zu diesem Einläuten nicht wie gewohnt von der tonhöchsten, sondern von der tiefsten Glocke her ein – als gravitätischer, ernster Ausdruck.
Der Kanton Graubünden kennt in dieser Hinsicht eine besonders ausgeprägte und sinngebende Läutekultur. Am Morgen des Beerdigungstages erklingt in manchen Gemeinden das «Schiedläuten», das eine halbe Stunde oder noch länger andauert. Dabei werden, wie auch beim Einläuten zur Trauerfeier einzelne Glocken des vollen Geläutes kurz zum Schweigen gebracht, jedoch immer so, dass erkennbar wird, ob es sich bei der verstorbenen Person um einen Mann oder um eine Frau handelt. Eindrücklich ist auch die klanglich gesetzte Marke beim Überschreiten des Kirchhofeingangs als Zeichen vom Übergang von der diesseitigen zur jenseitigen Welt. In Avers werden an Trauerfeiern die mit Läutemaschinen ausgestatteten Glocken mit Seilzügen von Hand geläutet. Dies als pietätvoller Dienst am verstorbenen Gemeindeglied.
Leider gab es in früheren Zeiten vereinzelt auch Läutezeichen, die alles andere als pietätvoll waren. So wurde Bewohnerinnen und Bewohnern der damaligen Armenhäuser nicht das volle Trauergeläute zuerkannt, sondern nur eine einzige Glocke.
In der evang. Kirche Sulgen zeigt um 13 Uhr die zweitgrösste Glocke während 4 Minuten die bevorstehende Trauerfeier an. Das Einläuten setzt um 13.50 Uhr, mit der kleinsten Glocke beginnend, zum Vollgeläute ein und endet vor dem 14-Uhr-Stundenschlag. Auf dem Weg vom Friedhof zur Kirche wird die Trauergemeinde ebenfalls von der zweitgrössten, der sogenannten Totenglocke, begleitet. Diese Glocke erhebt ihre Stimme auch zum Ausläuten der Trauerfeier. Auf ihr ist folgende Inschrift eingegossen: «Gott hat Jesus auferweckt von den Toten und wird auch uns auferwecken durch seine Kraft.» Mit diesen Worten untermauert sie das, was in den Trauerfeiern bezeugt wird, und was sie zugleich zur Osterglocke werden lässt